
Die Dokumentation
Am 11. September 2026 hat der Richter für die Vorverhandlung am Gericht Mailand sechs Angeklagte im Fall „Moby Dick“ verurteilt, einem der größten Umsatzsteuerbetrugsverfahren der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA). Die Behörde gab das Urteil am 17. September bekannt; OCCRP und Follow the Money berichteten darüber.
Nach Angaben der EUStA gehören zu den Verurteilten ein Rädelsführer und Mitglieder eines kriminellen Netzwerks, das den Haushalten der EU und Italiens einen Schaden von rund 520 Millionen Euro zufügte. Der Richter verhängte Haftstrafen zwischen vier Jahren und sieben Jahren und zwei Monaten und ordnete die Einziehung von mehr als 300 Millionen Euro an Gewinnen sowie von Immobilien und Firmenanteilen an.
Ohrhörer und Laptops auf dem Papier
Die Anklage beschreibt ein klassisches Umsatzsteuerkarussell. Zwischen 2020 und 2023 stellte das Netzwerk Rechnungen über AirPods, Laptops und andere Elektronik im Wert von mehr als 1,3 Milliarden Euro aus. Die Waren liefen durch Firmenketten in Italien, anderen EU-Staaten und Drittländern. Sogenannte Missing Trader verschwanden, ohne die vereinnahmte Umsatzsteuer abzuführen, während andere Firmen der Kette Erstattungen bei den Finanzbehörden beantragten.
Laut EUStA arbeitete das Netzwerk in miteinander verbundenen Zellen mit Brokern und Durchleitungsfirmen in mehreren europäischen und außereuropäischen Ländern. Follow the Money berichtet, die Erlöse seien über Firmen in Singapur, Hongkong und Dubai geleitet und für Villen, Jachten und Luxusuhren ausgegeben worden; der Fall stütze sich teils auf Abhörgeräte in der Wohnung eines Verdächtigen.
Die Mafia-Komponente
Der Richter bestätigte erschwerende Umstände wegen Unterstützung einer mafiösen Vereinigung und Anwendung mafiöser Methoden. Nach Angaben der EUStA floss Geld eines Camorra-Clans in das System, um die Gewinne zu steigern und kriminelle Erlöse zu waschen. Frühere Mitteilungen der Behörde brachten Verdächtige mit den Clans Nuvoletta und Di Lauro in Verbindung. Follow the Money berichtet zudem von einer Beteiligung der sizilianischen Cosa Nostra.
„Mafiaorganisationen investieren in Umsatzsteuerbetrug als Vehikel, um ihre kriminellen Erlöse zu waschen“, sagte die Europäische Generalstaatsanwältin Laura Kövesi.
Der Verlauf des Verfahrens
Im November 2024 koordinierten die EUStA-Büros in Mailand und Palermo 160 Durchsuchungen in mehr als zehn Ländern; 43 Verdächtige wurden festgenommen, und ein Arrestbeschluss über mehr als 520 Millionen Euro erging. Allein in Italien wurden 129 Bankkonten eingefroren sowie 192 Immobilien und 44 Luxusautos und Boote beschlagnahmt. Ein mutmaßlicher Rädelsführer entkam in Prag der Festnahme. Nach sechs Monaten auf der Flucht flog er im Mai 2025 von Tirana nach Mailand-Malpensa und stellte sich. Follow the Money identifiziert ihn als den belgischen Staatsbürger Rodolphe Ballaera. Im Juni 2025 folgten elf weitere Festnahmen.
Im Februar 2026 hatte dasselbe Gericht 20 Angeklagte zu insgesamt mehr als 70 Jahren Haft verurteilt und rund 40 Millionen Euro eingezogen. Die sechs im September Verurteilten wählten das abgekürzte Verfahren, das die Strafe um ein Drittel mindert. Einige Betroffene von Beschlagnahmebeschlüssen haben ihre Steuerschulden inzwischen beglichen.
Die Stellungnahmen
Weder die Mitteilung der EUStA noch die Berichte von OCCRP und Follow the Money enthalten Stellungnahmen der Angeklagten oder ihrer Anwälte. The Ledgers hat keine öffentliche Äußerung der Verteidigung gefunden.
Offene Fragen
Wie viel der 520 Millionen Euro lässt sich tatsächlich zurückholen, nachdem ein Teil des Geldes nach Asien und in die Golfregion verschoben wurde? Welche Rolle spielten die Mafia-Clans über die Bereitstellung von Kapital hinaus? Und wann kommen die Verfahren gegen die übrigen Verdächtigen – mehr als 400 Personen und Unternehmen – vor Gericht?
Das Urteil vom September ist erstinstanzlich und kann angefochten werden. Für alle anderen Verdächtigen im Verfahren „Moby Dick“ gilt die Unschuldsvermutung, bis ein italienisches Gericht ihre Schuld feststellt.
Auf Grundlage von Berichten von: OCCRP · 17. September 2026; Follow the Money · 17. September 2026; EUStA · Rädelsführer und Mitglieder eines kriminellen Netzwerks schuldig gesprochen · 17. September 2026; EUStA · Erste Urteile: 20 Angeklagte verurteilt · 27. Februar 2026; EUStA · Elf Festnahmen im Umsatzsteuerverfahren über 520 Millionen Euro · 25. Juni 2025; EUStA · Mutmaßlicher Rädelsführer stellt sich · 27. Mai 2025; EUStA · Mafia-Clans investieren in Umsatzsteuerbetrug über 520 Millionen Euro · 14. November 2024.
Quelldokumente
07- OCCRP · 17. September 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- Follow the Money · 17. September 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- EUStA · Rädelsführer und Mitglieder eines kriminellen Netzwerks schuldig gesprochen · 17. September 2026eppo.europa.eu
- EUStA · Erste Urteile: 20 Angeklagte verurteilt · 27. Februar 2026eppo.europa.eu
- EUStA · Elf Festnahmen im Umsatzsteuerverfahren über 520 Millionen Euro · 25. Juni 2025eppo.europa.eu
- EUStA · Mutmaßlicher Rädelsführer stellt sich · 27. Mai 2025eppo.europa.eu
- EUStA · Mafia-Clans investieren in Umsatzsteuerbetrug über 520 Millionen Euro · 14. November 2024eppo.europa.eu
Dossier-Aktualisierungen
Bericht veröffentlicht
Recherche läuft
Redaktioneller Recherchestatus erfasst.
Redaktioneller Hinweis
Dieses Recherche-Briefing fasst die Berichterstattung von OCCRP und Follow the Money sowie die zitierten Mitteilungen der EUStA zusammen. The Ledgers hat das noch nicht veröffentlichte Urteil nicht eingesehen. Die Illustration ist KI-generiert und zeigt kein tatsächliches Ereignis und keine reale Person.
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